Tash-Horseexperience
Pferdetraining alternativ
Training mit alternativen Ansätzen

Siehst du, was ich denke?

Pferdetraining ist nicht gleich Pferdetraining

Ich habe nach längerer Zeit wieder mit dem lieben Fuchs gearbeitet. Ihr kennt ihn aus dem Artikel „wenn sich Ideen nicht treffen…“.  Er konnte sich damals nicht so richtig auf mich und meine Ideen einlassen, was mich wiederum tatsächlich etwas frustriert hat, weil meine bisherigen Herangehensweisen wohl die falschen für dieses Pferd sind

Statt also ins Leere zu arbeiten und das Pferd zu verwirren, habe ich das Training ausgesetzt und nachgedacht. Die Problemstellung: Das Pferd ist sehr, sehr aufmerksam und beobachtet ständig seine Umgebung. Das hat zur Folge, dass er den Kopf sehr hoch nimmt. Dazu ist er etwas misstrauisch. Auch hat er nicht gelernt, wie man sich unter dem Reiter bewegen sollte, um keinen gesundheitlichen Schaden zu nehmen.

So bitte nicht: 

Das Bild sieht in etwa so aus: Der Kopf ist hoch erhoben, der Unterhals sehr gut sichtbar und ausgeprägt. Das hat zur Folge, dass der Rücken durchhängt und das volle Gewicht des Reiters auf der so genannten „Hängebrücke“ lastet. Die Hinterhand tritt kurz, weit hinter den Schwerpunkt. Wie Pferde die Welt sehen und warum der Wallach eine so hohe Haltung einnimmt, könnt ihr hier nachlesen. 

Und hier kannst du nachlesen, warum ich will, dass der Wallach lernt, sich anders zu bewegen. 

Meine Idee also ist, dem Pferd insofern zu helfen, als dass ich ihm beibringen möchte so zu laufen, dass das geritten werden angenehmer für ihn wird. Ich möchte ihn am Kappzaum arbeiten, ihm damit bei bringen, wie man den Kopf tiefer nimmt, sich stellt und biegt, so dass er nicht mehr auf die Vorhand fällt. Er soll lernen, die Hinterhand besser einzusetzen und damit Gewicht aufzunehmen.

Siehst du, was ich denke?

Letzte Woche also habe ich ihn im Stall besucht, um einfach mal Hallo zu sagen. Das Pferd soll spüren, dass ich ihm helfen will, dass ich nicht um meinetwegen mit ihm arbeiten möchte, sondern seinetwegen. Und hier findet man den wichtigen Knackpunkt. Das Eigeninteresse. Es fehlt mir im Bezug auf dieses Pferd gänzlich. Ich denke, er spürt, dass meine Gedanken um sein Wohlergehen kreisen.

Ich stehe also neben ihm und lege meine Hand auf seinem Hals ab. Dann versuche ich mich zu konzentrieren und forme ein Bild in meinem Kopf. Dieses Bild zeigt den Wallach in einer zufriedenen, runden Haltung. Der Rücken schwingt, er fühlt sich wohl. Mit diesem Bild versuche ich, ihm zu erklären, dass ich ihm zeigen will, wie man so läuft, dass es gut tut anstatt Schmerzen zu verursachen. Dann gleitet meine Hand nach hinten zu seinem Rücken.

Sehr zu meiner Freude senkt das Pferd in diesem Moment den Kopf nach unten und schnaubt ab. Ich verabschiede mich und verlasse den Stall.

An die Arbeit!

Ein paar Tage später sollte es so weit sein. Ich bereite den Kappzaum vor, platziere die Gerte am Roundpen und mache mich auf den Weg zum Fuchs. Am Stall angekommen, begrüße ich ihn freundlich und halte ihm das Halfter hin. Beim Versuch, es ihm über zu ziehen, bin ich zu schnell. Er antwortet mit der sehr bekannten Haltung, den Kopf hoch zu reißen. Also mache ich einen Schritt nach hinten und entschuldige mich. (Manchmal beherrscht mich einfach die Gewohnheit. Die Ponys stecken sofort den Kopf ins Halfter, wenn ich damit ankomme.). So halte ich das Halfter also wartend und einladend vor das Pferd und warte. Diesmal senkt es den Kopf und lässt sich gerne aufhalftern.

Am losen Strick verlasse ich die Box, der Fuchs folgt mir zum Putzplatz. Anders, als bei den letzten Malen, guckt er freundlich, lässt sich bereitwillig striegeln und ist viel ruhiger als gewohnt. Beim Hufe säubern arbeitet er sogar aktiv mit und hält die Beine schon hoch, bevor ich an den jeweiligen Hufen angekommen bin. Ich finde noch ein paar tolle Kraulstellen heraus, die optimaler Weise sogar ein Senken des Kopfes bewirken. Dann gehen wir los und landen am Roundpen.

Du verhältst dich ganz anders als sonst…

Der Wallach steht gechillt neben mir und wartet gespannt, was passiert. Ich nehme das Halfter vom Pferdekopf und zeige ihm den Kappzaum. Dieser wird neugierig beschnüffelt und schwupps, senkt sich der Kopf auf meine Höhe ab. „Okay…“ denke ich etwas überrascht und streife den Zaum über. Auch beim Anpassen hält der Wallach still.

Zur Gewöhnung marschieren wir eine Runde gemeinsam im Schritt über den Platz. Wenn ich stehen bleibe, reagiert der Wallach sofort und hält neben mir an. Mache ich einen Schritt nach hinten, folgt er mir. So kenne ich ihn nicht, bin also etwas verwundert, freue mich aber natürlich und lobe ihn auch sehr viel. Dann will ich versuchen, ob er auf leichtes Zuppeln am Strick (dieser ist am Mittleren Ring des Nasenriemens befestigt), mit dem Absenken des Kopfes antworten kann. Tut er. Wow… Ob er wohl auch eine Stellung nach rechts akzeptiert? Ich führe mit der linken Hand den Pferdekopf nach rechts, die rechte Hand seitlich am Genick abgelegt. Herr Pferd lässt sich ohne Meckern stellen. Ich bin schwer beeindruckt und lobe ihn wieder kräftig.

Für manche Pferde mag das ein Leichtes sein, dieser Wallach aber muss immer alles im Blick haben, um sich wohl zu fühlen. Ich empfinde seine Mitarbeit also als sehr starken Vertrauensbeweis. Er zeigt mir damit, dass er sich auf mich verlassen kann und sich sicher fühlt. Das zusätzliche entspannte Ausschlauchen, gepaart mit einer entlasteten Hinterhand, bestätigt mich.

Pferdetraining individuell bitte – Manchmal ist wenig schon sehr viel

Also weiter im Programm. Ich möchte ihm noch eine Idee geben, wie es sich anfühlt, mit entspanntem Hals im Schritt an zu gehen. Wieder ist der Wallach mit vollem Elan und höchster Ruhe dabei. Diese Schritte gehen wir anschließend noch auf der anderen Hand durch (Kopf senken – Stellen – Angehen im Schritt). Dann ist der Arbeit für diesen Tag genug getan. Ich will den Guten nicht überfordern, gebe mich also mit (in manchen Augen) wenig mehr als zufrieden. Das schafft Motivation für die nächste Einheit.

Tick – Tick — Tick — Tick

Um aber auch noch die Hinterhand auf neue Ideen zu bringen, lasse ich den Wallach noch ein paar Runden frei um mich herum traben. Mein Fokus liegt dabei auf der Hinterhand. Mit der Gerte deute ich ein paar Mal auf die Hinterhand, versuche gleichzeitig, mit Schwung selbst anzutraben und einen Takt vorzugeben, der die Hinterhand etwas nach vorne bringt. Jetzt ist wohl der Moment, in dem ihr mich denken sehen solltet, um zu verstehen, was ich meine? 😀

Ich versuche gerne, das Bild zu erklären:

Das Pferd kann langsam, schwunglos traben, oder eben auch schwungvoller und raumgreifender. Die Takte (also der zeitliche Abstand zwischen dem Abfußen des linken und rechten Hinterbeines), sind unterschiedlich. So wird der schwungvollere Trab einen langsameren Takt vorgeben. Statt Tick – Tick – Tick – Tick, trabe ich mich selbst also auf ein Tick — Tick — Tick — Tick — ein, was einer längern Schwebephase entsprechen soll. Konzentriert sich das Pferd auf mich, wird es versuchen, sich auf meinen Takt einzutakten. Wenn ich richtig takte, greift also die Hinterhand weiter nach vorne. Gelingt natürlich nicht immer, kann das Pferd aber durchaus unterstützen.

Ende gut, alles gut

Folgt er mir so ein paar Tritte und trabt tatsächlich raumgreifender, beende ich die Übung und lobe ihn wieder ausgiebig. Am Ende sind wir beide mehr als zufrieden, denke ich. Also nehme ich das Zaum ab und lege noch eine kurze Krauleinheit ein. Ich hoffe, der Wallach hat einige gute Erfahrungen für sich mitgenommen und ist beim nächsten Üben genau so kooperativ.

 

Fazit:

Probiert ruhig auch mal etwas anderes aus, um etwas zu erreichen. Und: Setzt gerne das Wohlergehen eures Pferdes ganz oben auf eure Prioritätenliste. Pferde spüren, dass ihr es gut mit ihnen meint und sind dankbar für eure Rücksicht.

 

Shadow steht vor einer Waldlichtung und grast, ich sitze neben ihm und sehe ihm dabei zu. Sommerfeeling!

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2 Comments

  • Reply
    Sabine
    at

    Ich finde es ganz wunderbar, das Du ihn so sein lässt, wie er ist! Das Du nicht versuchst ihn zu manipulieren, sondern ihn entscheiden lässt Deinem inneren Bild zu folgen. wirklich eine tolle Geschichte und eine super schöne Inspiration.
    Liebe Grüße
    Sabine

    • Reply
      Tanja
      at

      Danke! Es würde für mich keinen Sinn ergeben, ihn zu manipulieren. Ich muss ihn dazu bringen, selbst zu wollen was ich will. Und das geht nur dann, wenn er freiwillig mit macht und verstehen möchte 🙂 Mit dem Clicker wäre es wohl noch etwas einfacher, allerdings muss ich auch auf die Besitzer Rücksicht nehmen, die nun mal nicht clickern 🙂 Naja, so sucht man eben und manchmal wird man fündig 🙂 allerliebste Grüße an dich!

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